Sohn und Enkel sahen sich achselzuckend an und fuhren ohne ihn.
"Stur, so alte Leute, einfach stur", sagte Stefan unterwegs, "sollte eigentlich froh sein, hat doch immer erzählt, wo er früher alles war, von der Wasserkuppe, von den Wanderungen über die Hohe Rhön und wie interessant das Moor gewesen ist. Das kann er doch jetzt alles wieder sehen."
"Das muss man verstehen, Junge. Er ist 82 Jahre alt. Seit dem Krieg hat er hier im Grenzgebiet als Bauer gearbeitet, mit Sonderstempel im Ausweis und ständiger Polizeibewachung, das weißt du ja auch. Ganz früher war das noch nicht so streng, als die Russen noch an der Grenze patrouilliert haben. Die gingen sieben bis acht Kilometer eine Strecke, da blieb genug Zeit, um `rüber zu laufen. Dein Großvater ist mit seinem Freund Otto oft nachts nach Hilders, hat Sachen für uns besorgt, Lebertran, Schuhe und alles mögliche. Als 1951 die Deutschen die Grenzbewachung übernommen haben, war es vorbei mit dem Schmuggel. Die gingen kürzere Strecken und waren richtig scharf, das wäre dann Republikflucht gewesen."
"Aber einen Zaun gab es doch da noch nicht."
"Nein, die Grenzlinie wurde gepflügt, zehn Meter breit. Dein Opa war einer der wenigen, die einen Traktor besaßen, er musste das hier jahrelang machen, auch als er dann in der LPG war. Und immer das Gewehr im Rücken. Das brennt sich ein, das wird so selbstverständlich wie der
zurück
Eine Leseprobe der Kurzgeschichte "Die Grenze" von Hannelore Kuhlmann aus "Plötzlich hatte die Welt wieder vier Himmelsrichtungen".
Himmel blau ist und das Gras grün."
Die Menschen und das Dorf veränderten sich, aber am alten Lüders perlte alles ab, das Leben floss um ihn herum.
Fast ein Jahr war vergangen, als eines Morgens ein LKW und eine Planierraupe am Haus vorbeifuhren. Zum ersten Mal wurde er aufmerksam. Er ging ein Stück hinterher, nicht so weit, in sicherer Entfernung blieb er stehen. Diese Seitenstraße des Dorfes endete blind vor einem mächtigen Eisentor. Mehrere Männer öffneten es, lehnten seine schweren Flügel zurück und begannen mit der mühseligen Arbeit, den Zaun abzubauen. Gegen Abend, als sie weg waren, ging der Alte zögernd auf das offene Tor zu. Zehn Meter davor blieb er stehen und sah sich nach allen Seiten um, ging einige kurze Schritte weiter, blieb erneut stehen und spähte über den verbotenen Landstreifen hinauf zur Höhe und `runter Richtung Leubach. Er strich mit der Hand über seinen borstigen Schnurrbart, unschlüssig, zweifelnd, machte noch zwei Schritte, sah über die ungemähten Wiesen auf der anderen Seite mit den zerzausten Vogelbeerbäumen zwischen aufgehäuften Basaltbrocken, nur ein Meter trennte ihn von der magischen Linie. Er wartete. Es pfiff ein frischer Wind, Wolken trieben hastig wie eine Schar grauer Wölfe über ihn hinweg, einfach so `rüber. Plötzlich, mit einer abrupten Bewegung, drehte er sich um. Der Weg zum Dorf